Über Rollen und Mäntel
- 7. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Über den Moment, in dem eine vertraute Rolle noch einmal lockt, sich aber innerlich nicht mehr stimmig anfühlt.

Ich habe vor einigen Tagen eine Notiz wiedergefunden, zu der ich schon vor vier Jahren etwas im Blog schreiben wollte, und offensichtlich war es damals noch nicht an der Zeit.
Jetzt ist mir diese Notiz jedenfalls erneut begegnet und auch das dort beschriebene Phänomen begegnet mir in letzter Zeit öfter, sowohl in meiner Praxis in der Begleitungen von Menschen in ganz unterschiedlichen Lebensphasen, als auch in meiner eigenen Erfahrung. Aber zurück zu der Notiz:
Notizen aus 2022
Ich denke gerade darüber nach, wie oft wir in einer bestimmten Rolle sind und uns aus dieser Rolle heraus ein bestimmtes Verhalten angelegt haben, mit dem wir dann wiederum in Kontakt mit anderen Menschen sind.
Und ich frage mich, inwiefern dieses Verhalten von einem Gegenüber mitunter fast wie „erwartet“ wird. Ich setze die Erwartung in Anführungsstriche, denn das, was sich wie eine Erwartung anfühlt, ist vermutlich oft vielmehr das Ergebnis von Wiederholung, von eingespielten Rollen, und weniger eine direkte oder indirekte Forderung des anderen an einen selbst, sich so oder so verhalten zu müssen.
Im Großen und Ganzen mögen wir ja auch ganz gerne ein einigermaßen kontinuierliches Gegenüber. Daran ist auch nichts falsch, so gibt es uns doch auch Sicherheit, wenn etwas oder jemand verlässlich ist, einschätzbar, und das Reagieren aufeinander ist eingespielt.
Und doch kann sich eine gewohnte und vertraute Rolle im eigenen Inneren und im eigenen Erleben irgendwann nicht mehr kongruent anfühlen.
Und vielleicht bist du da gerade in einem Prozess mit dir selbst, in der Auseinandersetzung mit dir, du hast einige deiner Verhaltensweisen beleuchtet und bist dabei, manche zu hinterfragen, zu verändern.
Nur für dich klappt das auch schon ganz gut und fühlt sich immer stimmiger an – und dann kommst du in Kontakt mit anderen Menschen, mit Freunden, mit Familie, mit Menschen, die dich schon lange kennen. Und es gibt diesen einen besonderen Moment, in dem du fast automatisch in eine bestimmte Rolle schlüpfen willst, wie in einen vertrauten Mantel – und doch noch einmal innehältst, den einen Arm schon im Ärmel, und merkst: Das bin ich doch gar nicht (mehr).
Du schüttelst vielleicht kurz den Kopf, ziehst den Mantel wieder aus, hängst ihn an die Garderobe und entscheidest dich, ihn dort zu lassen.
Und dann?
Dann begegnen uns noch mal ganz andere Phänomene, mit ihrer ganz eigenen Qualität. Zum Beispiel die Irritation im Gegenüber, weil du nicht mehr so reagierst „wie immer“. Vielleicht erzeugt das auch Frust, Ärger, Ungeduld, Unverständnis. Aber dazu ein anderes Mal mehr.
Bis hierhin erst einmal: Wo hast du das Gefühl, in einer Rolle zu (re)agieren, die sich nicht mehr stimmig anfühlt? Vielleicht fühlt sich das an wie der oben beschriebene Mantel, den du schon noch irgendwie anziehen kannst, der sich aber nicht mehr gut anfühlt. Vielleicht sind die Ärmel zu kurz, zu lang, zu eng, zu weit, vielleicht ist die Farbe zu grell oder zu unscheinbar.
Woran merkst du das?
Nimm dir Zeit, „den Mantel“ einmal etwas genauer in Augenschein zu nehmen.
Und vielleicht das noch abschließend – dieser Mantel, diese Rolle, war vermutlich zu einer bestimmten Zeit aus einem guten Grund ein guter Mantel für dich. Das bedeutet eben nur nicht, dass du ihn für immer tragen musst. Manchmal können wir einen Mantel selbst modifizieren, manchmal ist es auch notwendig, ihn ganz auszusortieren.



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